3. Antwortmail von Felix Krolle an Harald B.* u.a. vom 11.12.2022
Hallo Herr B.,
vielen Dank für Ihre Antwort. Ich habe unseren Mailverkehr in einer Runde unserer Gemeinschaft mit ehemaligen Bewohnern, Freunden, Gästen und anderen Gemeinschaftsleitern vorgelesen und diskutiert.
Wir sind uns einig, dass Sie da einigen Fehlinformationen und Missverständnissen aufgesessen sind.
Die Sekten-Checkliste gibt ja Kriterien vor, die man anhand des kommunizierten und/oder gelebten Selbstverständnisses einer Gruppe prüfen kann und muss. Wie anders sonst?
D.h. als Mit-Gründer und Mit-Leiter der Gemeinschaft können wohl ich und die anderen Bewohnern am besten sagen, ob wir diese Dinge von uns behaupten, und/oder sie leben oder nicht.
Ihre Informationen stammen ja im schlechtesten Fall aus der Presse, die nie mit uns geredet hat, von Weltanschauungsbeauftragten, die uns für maximal ein paar Stunden kennengelernt haben und danach nie wieder mit uns reden wollten, von Gästen, die ab und an mal hier waren, oder im besten Fall von ehemaligen Bewohnern, die wir der Gemeinschaft verwiesen haben, da sie sich nachhaltig nicht an ethisch-moralischen Grundwerten orientieren wollten, die für ein gewaltfreies und friedliches Zusammenleben unabdingbar sind – geistiger, geistlicher und ich würde ergänzen: psycho-emotionaler Missbrauch, oder kurz die subtile, nicht aufgearbeitete Gewalt der betreffenen Personen, die sie wiederholt zu Ungunsten anderer Gemeinschaftsmitglieder ausgeübt haben, hat ja zu ihren Ausschlüssen geführt.
So kann ich Ihnen versichern und gerne im Einzelnen begründen warum wir keines der 17 Kriterien erfüllen. Gerne gehe ich mit Ihnen jeden einzelnen Punkt, oder beispielhaft einen davon durch.
Dem folgend möchte ich gerne mit dem nächsten Missverständnis aufräumen, das sich direkt daraus ergibt: da, laut Checkliste, wir keine sog. Sekte sind und da, bis auf sehr wenige Ausnahmen, alle ehemaligen Mitbewohner von anderen Bewohnern aus der Gemeinschaft verwiesen worden sind, gibt es keine Go&Change-Sektenaussteiger. Oder kurz: Wir sind keine sog. Sekte, oder selbst wenn doch in Ihren Augen, dann sind die Menschen trotzdem nicht „ausgestiegen“, sondern sie mussten(!) gehen.
Dann schreiben Sie weiter, dass wir uns vom sog. „verabsolutierten dichotomen Denken“ distanzieren sollen. Wären Sie so freundlich zu begründen woran Sie festmachen, dass wir so denken?
Aus unserer Perspektive haben wir ein sehr feines, differenziertes Wertesystem, das den höchsten Wert Liebe trägt und mit Tugenden, wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Demut, Güte, Milde uvm. den Grundstein unseres Miteinanders legt. Auch hier bin ich gerne zu Gesprächen und einem konstruktiven Ringen um ein gesundes und ausgewogenes Wertesystem bereit.
Sehen Sie es bitte so: Sollten wir tatsächlich Kult- oder Sektenstrukturen aufweisen, so sind diese für unsere Augen aktuell unsichtbar. Da Sie und wir uns jedoch sicher sind, dass wir wirklich etwas Gutes in Gang setzen wollen, hätten wir das höchste Interesse uns von einer sog. Sekte zu einer gesunden Gemeinschaft zu transformieren, sollte dies notwendig sein und bitten Sie dabei um Unterstützung! Am Ende dieses Prozesses wird entweder offensichtlich, dass wir nie eine sog. Sekte waren, oder falls doch, werden wir dann keine mehr sein. Denn wir haben nicht das geringste Interesse durch Strukturen, Handlungen oder Unterlassungen einem Menschen Schaden zuzufügen. Das widerspräche zutiefst unserer Ausrichtung.
Leider hat bisher keine einzige Weltanschauungsstelle, die Sie uns ja als Anlaufstelle empfehlen, unseren Wunsch nach Dialog, Klärung und Unterstützung wahrgenommen.
Auch hier will ich Ihre Informationen gerne korrigieren und ergänzen: Ja, einige Weltanschauungsbeauftragte waren 2019 bei uns. Allerdings auf unsere schon 2018 gestellte Anfrage hin und nicht von sich aus. Das Treffen selbst, bei dem ich selbstverständlich anwesend war, war kurz und unspektakulär da von Seiten der Weltanschauungsbeauftragten kaum Interesse zum Dialog aufkam und die wenigen kritischen Nachfragen zumindest vorerst zufriedenstellend von uns beantwortet wurden. Die nachträgliche Darstellung des Treffens ohne eine einzige weitere Kontaktaufnahme in der Presse war weit von dem tatsächlichen Ablauf entfernt (siehe pdf im Anhang).
Als unsere direkten Kontaktversuche mit Herrn Pöhlmann und Herrn Lohmayer, die maßgeblich an den Artikeln mitgewirkt haben, ablehnend beschieden worden sind (Zitat von den Beiden: „Unser Auftrag ist es nicht, „gemeinsame Lösungen zu finden“ oder zwischen unterschiedlichen Interessen zu vermitteln.“), haben wir eine lange Mail an alle Weltanschauungstellen und Beratungsstellen (und viele andere öffentliche Stellen) Deutschlands gesendet und unsere Situation und unser Vorhaben beschrieben. Im Anhang finden Sie unseren „Aufruf zum Dialog.pdf„, dessen Begleitschreiben ich Ihnen bei Interesse gerne auch noch weiterleiten kann.
Wir haben leider keine Antwort erhalten und fühlen uns komplett allein gelassen. Keine Stelle scheint sich dafür zuständig zu fühlen uns zu unterstützen oder überhaupt mal mit uns zu reden.
Was glauben Sie wievielen Projekten und den darin lebenden Menschen, die fälschlicherweise als Sekte bezeichnet werden, oder die unreflektierte Sektenstrukturen haben, hätte geholfen werden können, wenn man mit ihnen gesprochen hätte, statt nur mit den Menschen, die aus welchen Gründen auch immer diese Projekte verlassen haben und sich zu Recht oder Unrecht schlecht behandelt fühlten?!
Was glauben Sie, wievielen Projekten es noch so ergehen wird und es gibt bisher niemanden, der den Menschen in diesen Projekten hilft – im Gegenteil: meistens werden diese zu Zielscheiben von Diffamierungen und Rufmord, ohne dass die Vorwürfe jemals überprüft oder bestätigt worden sind. Und selbst für positiv geprüfte Projekte fehlt jegliche Art von Unterstützung, sondern Sie werden im Gegenteil dämonisiert und öffentlich an den Pranger gestellt, anstatt Hilfe zu erfahren, was Ihre eigene Begründung ja in der Regel noch verfestigt und bestätigt (siehe Punkt 7 Sekten-Checkliste). Würden man potentiell kritischen Projekten mit liebevoller Hilfe z.B. durch die Weltanschauungsbeauftragten begegnen, würde einiges wesentlich besser laufen.
Vielleicht hätten Sie ja Interesse nicht nur nicht gegen sog. Sekten/Kulte und für Aussteiger zu arbeiten, sondern für alle Menschen, die in Verbindung zu Projekten stehen oder standen, gegen die Sektenvorwürfe erhoben werden. Das fehlt bisher und würde viele Konflikte entschärfen oder gar nicht erst entstehen lassen.
Wenn Sie den sog. Aussteiger*innen einräumen fehlgeitet, traumatisiert etc. gewesen zu sein und sich nun eines besseren besinnen zu können, wieso nicht den Gründern und Leitern sog. Sekten und Kulte? Oder glauben Sie etwa doch, dass wir etwas Böses wollen?
Speziell wir Go&Change Gründer und Leiter haben ein unumstößliches Interesse daran, dass es für so viele Menschen wie möglich so gut wie möglich wird und sind jederzeit bereit mit jedem über alles zu reden und unsere Strukturen, Abläufe, Haltungen, Handlungen und Erklärungsmodelle zu hinterfragen, ggf. los zu lassen und gesünder auszurichten.
Wären Sie dazu auch bereit?
Allein im Interesse Ihrer Klienten, die Sie ja offensichtlich schon mit einigen Fehlinformationen versorgt haben, wäre ein besseres und vor allem realistischeres Verständnis unserer Gemeinschaft doch ein Mehrwert der in einigen Fällen eine echte Hilfeleistung für Ihre Klienten überhaupt erst ermöglichen würde.
Ansonsten würde mich sehr interessieren, wie Sie echten von uns verübten Missbrauch welcher Art auch immer, von übertragenem, also projeziertem Missbrauch auf uns unterscheiden, dessen Unterscheidung essentiell für die Therapie ist? Aktuell glauben Sie ja offensichtlich, dass wir diesen Missbrauch tatsächlich begangen hätten, wahrscheinlich da ihre (z.B. in der Mail aufgeführten) Begründungen aus Fehlinformationen über uns stammen und nicht unsere tatsächlichen Handlungen widerspiegeln.
Bitte überlegen Sie sich mal, ob Sie sich nicht mit uns treffen und über alles reden wollen. Ich oder einige von uns kommen auch gerne zu einem Ihrer Seminare. Damit könnte sehr vielen Menschen, auch in Zukunft, geholfen werden.
Vielen Dank und herzliche Grüße,
Felix Krolle
P.S.: Diese Mail geht im CC an Leitungsmitglieder von befreundeten Gemeinschaften und Go&Change.
(Formatierung, Rechtschreibung und Grammatik original und unverändert)