Zentraler Punkt des Sektennarratives ist die Mär vom psychologischen Brainwashing der Mitglieder, die durch die Gruppe ihres freien Willens beraubt würden. Diese Theorie der psychischen Abhängigkeit wurde bereits in den 1980er Jahren von der APA (American Psychological Association) als unwissenschaftlich verworfen und ihre Vertreter werden infolgedessen vor Gerichten in den USA nicht mehr als Experten geladen. Untersuchungen im Rahmen einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
Dessen völlig ungeachtet wird mit der Mär von der Gehirnwäsche bis heute die Ablehnung jeglicher Glaubwürdigkeit aller Interviewpartner, Leserbriefschreiber und sogar gerichtlicher Zeugen begründet, die positiv gegenüber der fraglichen Gemeinschaft eingestellt sind – als „Anhänger“ werden sie als unzurechnungsfähig oder zu allen Lügen bereit eingestuft.
Seit den 1970er Jahren gibt es hunderte, heutzutage nur noch als Weltanschauungsbeauftragte bezeichnete Stellen in den beiden großen Kirchen[2]. Seitdem verbreiten sie diese Argumentationslinien durch Schriften und Vorträge sowie intensive politische Lobbyarbeit, teils durch selbst initiierte „Elterngruppen“ oder Bürgerinitiativen und deren 1977 gegründeten Dachverband „Aktion für geistige und psychische Freiheit.“[3] Diese suchen das Gespräch mit Abgeordneten, schreiben Briefe an Bischöfe, Kirchenleitungen oder Ministerien und Leserbriefe an Zeitungen.
Es ist ihnen gelungen, in schulischer Bildung, Behörden wie Polizei und Jugendamt und den Medien das Bild einer angeblichen Bedrohung durch hunderte gefährliche, allesamt durch dieselben Argumente zu verurteilenden Gruppierungen zu verankern. Ein Drehbuch bewährter und modernisierter Methoden – Rufmord statt Mord – wird angewandt, um diese zu destabilisieren und auszuschalten.
In Kapitel 7 seines Buches “Die neue Inquisition” analysiert der Philosoph und Theologe Prof. Dr. Hubertus Mynarek die Methoden, mit denen kirchliche und staatliche Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte gegen sogenannte “Sekten” vorgehen. Er identifiziert dabei zehn zentrale Vorgehensweisen:
Mynarek kritisiert diese Methoden als undemokratisch und sieht in ihnen eine moderne Form der Inquisition, die individuelle Freiheitsrechte und die Vielfalt religiöser Überzeugungen bedroht.
Von Magdalena Kloibhofer
Mynarek, Hubertus (1999): Die neue Inquisition. Sektenjagd in Deutschland. Mentalität – Motivation – Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter.“ Verlag: Das Weisse Pferd.
Holzbauer, Matthias (2003): Der Steinadler und sein Schwefelgeruch. Das neue Mittelalter – Die Verfolgung religiöser Minderheiten in der Geschichte – Die Verfolgung der Urchristen im Universellen Leben heute. Verlag: Das Weisse Pferd.
Flückiger, Felix (1998): ‘Sekten‘-Jagd. Die neue Intoleranz – Fakten, Hintergründe, Einwände. Alpenland Verlag.
Deutscher Bundestag, 13. Wahlperiode (1998): Endbericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen” https://dserver.bundestag.de/btd/13/109/1310950.pdf
Langhans, Michael (2021): Kinderschutz oder Genozid: Zur Lage der Religionsfreiheit in Deutschland am Beispiel des Orde der Transformanten. https://familienrecht.activinews.tv/kinderschutz-oder-genozid-zur-lage-der-religionsfreiheit-in-deutschland-am-beispiel-des-orde-der-tranformanten/
Murken, Sebastian und Sussan Namini (2004): Selbst gewählte Mitgliedschaft in religiösen Gemeinschaften: Ein Versuch der Lebensbewältigung? In: C. Zwingmann & H. Moosbrugger (Hrsg.). (2004). Religiosität: Messverfahren und Studien zu Gesundheit und Lebensbewältigung. Waxmann. https://religionspsychologie.de/inc/download/murken+namini2004a.pdf?m=1547124916
Seiwert, Hubert (2004): Religionsfreiheit und Konformismus. Über Minderheiten und die Macht der Mehrheit. LIT Verlag.
Verweise:
[1] Siehe Flückiger, Felix (1998): „‘Sekten‘-Jagd“, Seite 7.
[2] In der katholischen Kirche sind sie über mehrere Hierarchiestufen dem „Dikasterium für die Glaubenslehre“ im Vatikan unterstellt, der Nachfolgeeinrichtung der früheren Inquisition.
[3] https://sites.google.com/view/agpf/willkommen